01.11.2021

Gefährlicher „Kid Content“ – wie Eltern leichtfertig die Rechte ihrer Kinder verspielen - Beitrag von Dr. Patricia Cronemeyer auf XING

Es begann mit einer putzigen Momentaufnahme – heute ist die 10-jährige Chloe nicht nur als Meme eine Internet-Legende. Ob sie das mag, weiß ich nicht. Fest steht: Die Mutter hat mit einem alltäglichen Post die Persönlichkeitsrechte ihrer Tochter preisgegeben. Das könnte nach deutschem Recht schlimme Folgen haben.

Ein Seitenblick schreibt Social Media-Geschichte: 2003 ist die Familie der damals zweijährigen Chloe in Utah auf dem Weg ins Disneyland. Glänzende Kinderaugen? Keineswegs. Schwester Lily weint zum Erbarmen, Chloe mustert sie wort- und ratlos von der Seite. „So süß!“, denkt sich die Mutter und stellt das Video https://www.youtube.com/watch?v=NGhuLkjl4iI und ein Foto von Chloes Reaktion ins Netz.

„Side-eyeing Chloe“ https://knowyourmeme.com/memes/side-eyeing-chloe wurde bis heute rund 20 Millionen Mal angeklickt. Das Meme geht als Synonym für Skepsis um die Welt. Chloes intimer Augenblick findet sich weltweit in verfremdeten Meisterwerken, in Musikvideos und auf zahllosen „lustigen“ Fotos. Auf Instagramm folgen der heute 10-jährigen mehr als eine halbe Million Fans. Neuester Coup der Familie: Sie hat das Bild von Chloe jüngst für $76,377.50 als NFT „Non-Fungible Token“ versteigert. Gegenüber Medien äußerte sich Mutter Katie enttäuscht über die niedrige Summe.


Das Schutzrecht der Kinder steht auf dem Spiel

Ich kenne die Familie und ihre Motive nicht. Aber der Fall ist ein gutes Beispiel dafür, wie Eltern die Persönlichkeitsrechte ihrer Kinder verspielen – ob mit Absicht oder aus Versehen. Die Folgen für die Kinder können noch Jahre später verheerend sein. Nach deutschem Recht haben sie unter Umständen wenig Chancen, sich dagegen zu wehren.

Das Wohl der Kinder und ihre elementaren Grundrechte sind gesetzlich geschützt. Dazu gehört ihr Anspruch, ihre Persönlichkeit ungestört entwickeln und frei entfalten zu können. Auch Kinder haben ein Recht am eigenen Bild. Die Entscheidungsgewalt darüber haben indes bis zur Volljährigkeit die Eltern. Ihnen obliegt es, Informationen und Bilder ihres Nachwuchses mit der Öffentlichkeit zu teilen. Oder dies, zum Wohl des Kindes, zu unterlassen.


Die Risiken sind groß

Und fürs Unterlassen gibt es, nicht nur aus juristischer Sicht, eine ganze Reihe guter Gründe:

• Einmal im Netz freigegebene Bilder der Kinder lassen sich kaum noch „zurückholen“. Die Schadensbegrenzung erfordert einen hohen juristischen Aufwand.

• Bei uns gilt das Prinzip der sogenannten Selbstöffnung: Gibt eine Person (oder deren Erziehungsberechtigte) freiwillig Einblicke ins Persönliche, riskiert sie damit den rechtlichen Schutz ihrer Privatsphäre. Im Fall Chloe würden deutschen Gerichte sehr genau prüfen, ob Katie nicht selbst aus ihrer Tochter eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gemacht hat. Der Strandurlaub mit der Familie? Die erste heimliche Zigarette? Das erste Mal verliebt? Die Kameras dürften möglicherweise immer zuschauen.

• Wer im Netz so präsent ist wie Chloe, ruft schnell Neider oder Hater auf den Plan. Was macht ein Shitstorm mit einem Kind? Vor allem, wenn dieser das Netz verlässt und die Schule, die Nachbarschaft und den Freundeskreis erreicht? Rechtlich ist das kaum in den Griff zu bekommen und die psychische Belastung für die Kinder ist enorm.

• Eine weitere Kommerzialisierung der Kinderfotos durch Dritte ist nicht ausgeschlossen. Spätestens dann verlieren die Eltern (und später die volljährigen Kinder) die Kontrolle. Hier sei auf den Fall eines Firmenchefs verwiesen, dessen Tochter als „Model“ für einen Werbekampagne des väterlichen Unternehmens posierte. Eine Künstlerin übernahm das Konterfei als Element für ein eigenes Werk, das später weltweit gezeigt und zum Verkauf angeboten wurde. Die Familie scheiterte vor Gericht mit dem Versuch, den Einsatz des Kinder-Gesichts fürs weitere Vermarkten zu verbieten.


Ein hoher Preis für kurzen Ruhm

Die Entscheidung der Eltern über die Privat- oder gar Intimsphäre ihrer Kinder reicht unter Umständen bis ins Erwachsenenleben hinein. Wir wissen nicht, ob Chloe eine Karriere als Influencerin anstrebt und sich über jeden Follower im Netz freut. Oder ob sie lieber heute als morgen auf ihre Popularität verzichten möchte. Fest steht: Nach deutschem Recht können die betroffenen Kinder auch nach Vollendung ihres 18. Lebensjahrs massive Probleme haben, ihre Persönlichkeitsrechte juristisch durchzusetzen.

Dass Kinderbilder im Netz im Darknet oder in einschlägigen Foren landen können, dürfte allen Eltern bekannt sein und wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Allein die Gefahr des Missbrauchs verbietet aus meiner Sicht jede Art von Zur-Schau-Stellung des eigenen Nachwuchses.

Somit appelliere ich nicht nur als Juristin an alle Eltern, ihre Kinder vor den Konsequenzen einer digitalen „Selbstöffnung“ zu bewahren. Natürlich handeln die meisten Eltern keineswegs aus egoistischen oder wirtschaftliche Motiven. Meistens sind sie einfach stolz und glücklich über die lustigen Kapriolen und möchte diese in ihrer Community teilen. Gut gemeint, aber unter Umständen mit schlimmen Folgen.

In Zeiten von Social Media gehört es zur Fürsorgepflicht der Eltern, Kinder nicht zu kommerzialisieren und sie vor den Folgen einer digitalen Nabelschau zu schützen.

Über die Autorin:

Dr. Patricia Cronemeyer ist Expertin für Presse- und Medienrecht. In den BluePort Legal Büros in Hamburg und Los Angeles betreut sie Persönlichkeiten aus dem internationalen und nationalen Show-Business, aus Sport, Kultur, Politik und Wirtschaft. Die gebürtige Münchnerin startete ihre Karriere in der Kanzlei von Matthias Prinz und machte sich nach Stationen beim Europäischen Parlament und in der Wirtschaft 2009 mit ihrer eigenen Kanzlei in Hamburg selbstständig. Im Januar 2021 gründete sie mit den Partnern Jörg von Appen, Dr. Andreas Jens und Dr. André Soldner die Kanzlei BluePort Legal www.blueportlegal.de.

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